Sonntags-Merkur Bonn, Ausgabe Würzburg,  23. März 2010, Seite 6

 
     
 

Üben, üben, üben
BESUCH IM Klavier-Tagungshaus Tastenkolleg, das Musikbegeisterte aus ganz Deutschland anzieht

 
     
 

Von Pat Christ

„Der Kuchen war einfach klasse!" lobt Harald Hepp. Es ist Samstagnachmittag, kurz nach halb fünf. Im Klavier-Tagungshaus „Tastenkolleg" in Tiefenstockheim geht die Teepause zu Ende. „Soll ich euch wieder was zeigen?" fragt „Tastenkolleg"-Chef Helge Barabas. Natürlich wollen sie das, die sieben Klavierenthusiasten, die aus ganz Deutschland angereist kamen, um ein Wochenende lang gemeinsam zu lernen, Rock- und Pop-Stücke auf dem Klavier zu interpretieren.

Noch flutscht es nicht so richtig mit den fünf „Patterns", den Grundmustern zur Interpretation der Songs. Aber es ist ja noch Zeit. Erfahrungsgemäß macht es am dritten Tag „Klick" im Kopf, sagt Helge Barabas. Dass die meisten Kursteilnehmer am Ende des ersten Tages stöhnen: „Oh weh, das krieg ich niemals hin!", ist er gewohnt. Alles fühlt sich noch fremd an. Die Hände wollen auf den Tasten noch nicht so laufen, wie sie sollen. Kurz vor Tagungsende dann der Aha-Effekt: So geht das also! 

Die sieben Jugendlichen und Erwachsenen, die im Januar am Grundkurs Rock- und Pop-Klavier teilnahmen, konnte alle einfache Melodien flüssig spielen. Helge Barabas hat mit seinem Tastenkolleg allerdings nicht nur solche Pianisten im Blick. Regelmäßig finden Kurse für Erwachsene statt, die vom Klavierspiel keine Ahnung haben, die keine Noten dechiffrieren könnenund für die Begriffe wie „Synkope" kryptisch sind. Viele von ihnen haben anfangs Angst, sich auf das Neuland Piano einzulassen. Kursiert doch das Gerücht, dass, was Hänschen nicht gelernt hat, Hans nimmermehr lernt.

 

Durchhalten: Helge Barabas hilft Harald Hepp bei einer besonders kniffeligen Passage.

Foto: Pat Christ

Üben für den Erfolg

Diese Schere im Kopf zu entfernen, ist ein Hauptanliegen des Musikers und Musikverlegers, der im Herbst 2007 sein Klavier-Tagungshaus eröffnete. Erwachsene lernen nach seinen Erfahrungen sogar schneller als Kinder. Weil sie motivierter sind und den Sinn der Übungen eher einsehen. Allerdings: Damit sich Erfolgserlebnisse einstellen, muss richtig geübt werden. Und daran hapert es oft. 

Die Krux besteht darin, dass sich Klaviernovizen ebenso wie Fortgeschrittene mit Willen zum Weiterkommen zu lange Passage zum Üben vornehmen. Zwei, drei, vier Hürden sind darin auf einmal zu bewältigen. Ist Hürde Nummer vier geschafft, hat der Übende keine Ahnung mehr, wie das mit Hürde Nummer Eins noch mal ging. Barabas rät zu kleinen Portionen. Erst wenn eine Sache sitzt, sollte das nächste Problem in Angriff genommen werden: „Dann stellt sich in einem Bruchteil der Zeit der Übungserfolg ein."

Als angenehm empfinden es die Gäste des Tastenkollegs, egal ob blutige Anfänger oder Fortgeschrittene, dass sie ausgiebig üben können, ohne dass ihr Lehrer ständig dazwischenfunkt. Im Klavier-Tagungshaus befinden sich sieben Instrumente, an denen geübt werden kann: Ein Steinway- und ein Steingräber-Flügel, ein Thürmer-Klavier und ein Barsch-Klavier mit sichtbarem Innenleben, ein Kawai-Klavier mit Stummschaltung und zwei Digitalpianos. Barabas bewegt sich während der Übungseinheiten von Raum zu Raum und schaut, ob das, was geübt werden soll, auch richtig einstudiert wird. Hängt einer der Pianisten, zeigt er noch einmal, wie es geht.

Auszeit am Klavier

Sich ein Wochenende lang abseits der Hetze des Alltags aufs Klavierspielen zu konzentrieren, das war für die Kitzinger Lehrerin Petra Nellen der Grund, sich für den Kurs anzumelden. Zu Hause habe sie immer jede Menge um die Ohren, erklärt sie. Klavierstunden einmal pro Woche an einem Nachmittag bringen ihr nichts. Die anderen pflichten ihr bei. Sie alle wollten sich im Klavier-Tagungshaus eine Auszeit gönnen, um ganz ihrem Hobby zu frönen. Ohne störende Einflüsse von außen. 

Manche Kursteilnehmer, die nach Tiefenstockheim kommen, nehmen sich gar eine komplette Woche Zeit für sich und das Klavier, wobei die mutigsten unter ihnen diesen „Intensivkurs Solo-Klavier" mit ihrem Debüt als Pianist verbinden. Am letzten Abend des Intensivkurses, der wieder vom vom 5. bis 9. April stattfindet, wird vor einem kleinen Publikum aus Freunden und Bekannten vorgespielt.

 
 
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