Main-Post Würzburg, 15. April 2006

 
     
 

Warum Beethoven ein Rocker war
WERKSTATTBESUCH: Helge Barabas, Pianist aus Mainbernheim

 
 

-------------------------------------------
Von unsrem Mitarbeiter
TORSTEN SCHLEICHER
-------------------------------------------

MAINBERNHEIM     Man muss den Großen der Musikgeschichte den Blues nicht erst geben - sie haben ihn längst, meint Helge Barabas und stellt sein These gern unter Beweis.

An seinen eigenen Klavierunterricht kann sich der Autor dieses Beitrags noch gut erinnern: Wöchentlich einmal am Nachmittag ging es in einen ziemlich engen, ziemlich dunklen Raum, wo sich eine gestrenge ältere Dame der nicht sehr hoffnungsvollen Versuche ihres Schülers annahm. Um es kurz zu machen: Nach einem Jahr war der Ausflug in die praktische Musik beendet.

---------------------
"Erstmal musste ich
Blockflöte lernen."
Helge Barabas,
Klaviermusiker
---------------------

Solche Erlebnisse hat Helge Barabas Gott sei dank nicht gehabt, denn dann wäre der gebürtige Würzburger und Wahl-Mainbernheimer wohl tatsächlich Mathematik-Lehrer geworden, wie er es dereinst vorgehabt hatte. Doch den Virus der Musik trug er da längst in sich: "Bei uns zu Hause stand ein Klavier herum, darauf habe ich schon als Kind gern herumgeklimpert". Und, wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er als erstes auch gleich das Klavierspiel erlernt, doch der Lehrer in der Würzburger Volksschule sah das anders: "Du lernst jetzt erst mal Blockflöte." Ein paar unendliche Jahre musste sich Barabas, Jahrgang 1958, an der Flöte üben, dann erst durfte er ans Klavier. Die Freude war umso größer und der Beginn einer lebenslangen Beziehung gradezu unausweichlich.

Wer so ins Klavier vernarrt ist, aus dem muss zwangsläufig ein klassischer Konzertpianist werden, könnte man meinen. Doch Helge Barabas entschied sich anders. Über eine Zwischenstation als Rockmusiker ("Irgendwann hat mich der Lebensrhythmus gestört") und Auftritte in Musikkneipen fand er seinen Stil, für den ihn seine Fans heute lieben: Klassik, Boogie-Woogie, Ragtime, Blues und Rock einträglich miteinander verbunden - und das alles an einem einzigen Solo-Klavierabend! "Ich habe einfach gespielt, was mir gefallen hat und dabei klassische Elemente mit einbezogen", sagt er.

 

Mit ihm wird Beethoven zum Ragtime-Star: Helge Barabas am Klavier. Obenauf die Notenhefte aus dem eigenen Verlag. 

Mit dem knuffigen Klavierschüler "Egon" geht der Klavierunterricht leichter. 

FOTOS TORSTEN  SCHLEICHER

Mit Klassik-Adaptionen, wie in der Pop-Branche üblich, hat Barabas' Musik allerdings nichts zu tun. Sein Konzept ist ein anders: "Ich verändere die Stücke nicht, spiele zum Beispiel Bach einmal ganz klassisch, dann als Ragtime und dann als Rockballade."

Weil man Musik nur bedingt mit Worten ausdrücken kann, setzt sich Barabas ans Klavier. Und tatsächlich: Bach bleibt immer Bach, auch wenn man bei der Ragtime-Version zweimal hinhören muss. Der Effekt ist verblüffend: Der große Komponist, der auf den historischen Bildern immer so ernst dreinblickt, wird an Helge Barabas' Klavier plötzlich zum coolen Rocker - ohne "verrockt" zu werden. Was mit Bach geht, funktioniert auch mit den anderen Größen der "ernsten" Musik.

"Den Unterschied zwischen ernster und Unterhaltungsmusik habe ich schon in meiner Jugend nie eingesehen", sagt Barabas. "Für mich war Beethoven immer ein Rockmusiker. Er hat in dieser Richtung schon alles komponiert, besonders vom Rhythmus her.

Dass man den Größen der Musikgeschichte den Blues nicht erst beibringen muss, das erfahren zurzeit die Besucher von Barabas' aktuellem Programm "Wenn der wilde Bach aus seinem Bette springt". Der als Streifzug durch die Musikgeschichte angelegt Solo-Klavierabend ist nur so gespickt mit musikalischen Überraschungen. Denn Barabas ist nicht nur ein Vollblut-Musiker; ihm sitzt auch der Schalk im Nacken. Details sollen hier nicht verraten werden, nur so viel: Warum Beethoven der erste Ragtime-Komponist war oder Bach den Boogie-Woogie erfand - bei Barabas kann man's erfahren. Die Achtung vor den Altvorderen der Musikgeschichte bleibt dabei nicht auf der Strecke: "Meine Parodien machen sich über die Komponisten nicht lustig, sie sind ein Ausdruck des Respekts."

"Wie der Mensch lernt"

Die eigene Freude an der Musik gibt Barabas seit vielen Jahren weiter - an seine Schüler. Deren Spektrum reicht vom Fünfjährigen bis hin zu Rentnern; die Eleven reisen selbst aus einer Entfernung von über 50 Kilometern an, um bei ihm zu lernen. Der Grund ist einfach: Der Musiker und Komponist ist auch ein begnadeter Pädagoge, der seinen Schülern das Klavierspiel "mit Freude und Köpfchen" (Motto eines Kurses) beibringt. So müssen selbst blutige Anfänger nicht langweilige Etüden spielen, sondern dürfen selbst wählen, ob sie das Klavierspiel nun mit klassischen, poppigen oder rockigen Stücken lernen möchten.

Barabas verlegt dazu seit über 20 Jahren Notenhefte, viele gefüllt mit eigenen Kompositionen. Für die jungen Musikschüler hat er den "Egon" entwickelt, eine Comic-Figur, die immer erst einmal alles falsch macht und natürlich nicht ohne pädagogischen Hintersinn ist. "Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, wie der Mensch lernt", sagt er und räumt mit einer weit verbreiteten Meinung auf: "Kinder lernen schneller als erwachsene? das ist ein Schmarrn." Nicht zuletzt deshalb haben bei ihm schon viele Erwachsene ihre Liebe zum Klavierspiel (wieder-)entdeckt. Musik hat eben etwas Ansteckendes.

 
 

8zur Startseite       8zur Übersicht über die Presseberichte       8nach oben