Kitzinger Zeitung, 26. Mai 2004

 
     
  Alter schützt vorm Klavierspielen nicht
Kurs für Senioren in der Klavierfabrik Seiler - Neun Damen und Herren legen in der Gruppe ihre Scheu ab und machen große Fortschritte - Kindheitstraum verwirklicht
 
     
 

KITZINGEN (bag). Klavier spielen. Das lernen vor allem Kinder und Jugendliche. Senioren können es aber auch. Einen Beweis liefert der Kurs, den der Mainbernheimer Pianist Helge Barabas in Zusammenarbeit mit dem Klavierhaus Seiler anbot. Montagabend war die letzte Unterichtsstunde.

Das Problem ist Barabas wohlbekannt: Viele ältere Menschen würden gerne Klavier spielen, trauen sich aber nicht. Ihre Argumente ähneln sich: "Ich fühle mich zu alt", sagen die einen. "Mir fehlt das Talent", die anderen. Freilich könnte man sich in der Musikschule zum Unterricht anmelden, da aber sind zu viele Kinder und die Senioren fühlen sich unwohl. "Es ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil zu sagen, wer mit acht Jahren nicht begonnen hat, braucht auch nicht mehr anzufangen", hatte Barabas seiner Schülergruppe eingeimpft - und auf Gruppenunterricht gesetzt.

Der Pianist, Komponist und Klavierlehrer unterrichtet seit rund 20 Jahren. Seine Erfahrung: Ältere Menschen können sogar schneller lernen. "Der Unterschied zu Kindern ist, dass Erwachsene anders lernen", erklärt er. Während Kinder so lange probieren, bis es stimmt, setzen Erwachsene stärker ihr Gehirn zum Lernen ein. Die Grundbewegungen umsetzen, gleichzeitig Noten lesen und unabhängig davon die Finger bewegen. Das zeichnet ältere Klavierschüler aus. 

Für den Leiter von Marketing und Vertrieb im Hause Seiler, Kurt Schäfer, ist das Klavier wegen seiner Schulung der Feinmotorik und der anspruchsvollen Hirnleistung therapeutisch einsetzbar. "Die Abfolge von Lesen und Verstehen, eine Bewegung wollen und auch Ausführen verlangt nach Koordinationsvermögen", erklärt er. Schließlich müssten die angespielten Töne auch mit dem Gehör überprüft werden.

   

Das gemeinsame Spiel von Angelika Karlowsky und Theo Menner klappt unter den Augen von Lehrer Helge Barabas schon ganz gut. Der Kurs bei Seiler beweist: Klavier spielen können nicht nur Kinder erlernen. FOTO: G. BAUER

 
 
 

Schäfer zeigte sich indes überrascht, wie schnell auch Erwachsene am Klavier lernen können. "Ich kann hier Senioren nur zuraten", empfahl er. Eines ist bei kleinen und großen Klavierschülern gleich: Zuhause muss regelmäßig geübt werden. "Nicht zu lange, aber ausgewählte Elemente", rät Barabas, der zumindest einen Unterschied ausgemacht hat: Erwachsene gehen sehr viel selbstkritischer vor, als Kinder. "Sie kennen Musikstücke schon lange und vergleichen ihre eigene Leistung mit professionellen Einspielungen", erläutert er.

Begeistert vom Kurs zeigten sich auch die neun Teilnehmer. "Als Kind hatte ich nie das Gefühl, Klavier spielen zu können", erinnert sich Mechthild Flott. Angelika Karlowsky hatte immer wieder daran gedacht, mit dem Klavierspiel anzufangen. Erst als die Tochter zu spielen begann, dachte sie sich: "Das kann ich auch", - und kam zum Kurs. Auch Ingrid Albert hatte als Kind vom Klavierspielen geträumt, die Eltern hatten es ihr aber nicht ermöglichen können. Sie musste immer zur Freundin, um wenigstens zuschauen zu können. "Ich habe etwas auf der Gitarre geklimpert, aber es war einfach nicht das, was ich wollte", erinnert sie sich. Jetzt konnte sie sich ihren Kindheitstraum verwirklichen.

 

Theo Menner hingegen hatte Akkordeon gelernt und Keyboard gespielt. "Um mich aber zur Musik begleiten zu können, fehlten mir die Grundkenntnisse", erzählt Menner und ist sichtlich froh, dass er nun auch das Spiel mit der vernachlässigten linken Hand zu begreifen beginnt. Alle neun Senioren haben sich mit Trockenübungen immer wieder auf ihren wöchentlichen Kurs vorbereitet. Der Kurs war am Montag zwar nicht zu Ende, doch soll er in kleinen Gruppen eine Fortsetzung finden. "Weil es einen Riesenspaß macht und wir keinen Leistungsdruck verspüren", herrschte Einigkeit im musikalischen Seniorenteam.

 
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